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Was ist Veganismus?

Diesen Beitrag möchte ich einer Frage widmen, die auf den ersten Blick einfach zu beantworten scheint aber bei näherer Betrachtung ziemlich komplex und umfangreich ist. Auf die Frage «Was ist Veganismus?» denke ich keine abschliessende Antwort darlegen zu können, trotzdem seien hier ein paar Gedanken mal erläutert und zudem auch gesagt, was Veganismus nicht ist.

Die Definition
«Veganismus ist eine Lebensart, die alle Formen der Ausbeutung und Grausamkeit an Tiere für Nahrung, Kleidung oder andere Zwecke ausschließen will, soweit es möglich und praktikabel ist.» [1]
Seit ich mich mit diesem Thema auseinandersetze, habe ich keine bessere oder genauere Begriffsdefinition für Veganismus gehört als diese. Trotzdem ist es schwierig aus dieser Definition heraus genaustens zu sagen, was Veganismus im praktischen Sinne tatsächlich bedeutet. Allgemein bekannt ist, dass man als veganer Mensch keine Tierprodukte konsumiert. Häufig treten aber dann Fragen auf wie: «Was passiert, wenn ich eine Schnecke mit dem Velo überfahre?», «Ist das Fahren von Autos vegan?», «Ist Honig vegan?», «Was ist mit Palmöl?» oder «Ich habe aus Versehen ein Lebensmittel mit tierischen Produkten gegessen, bin ich deswegen nicht mehr vegan?». Einiger solcher Fragen lassen sich präzise beantworten. Andere Fragen hingegen bewegen sich im Bereich der Ethik und haben auch nicht immer zwingend mit Veganismus zu tun.

Was ist Veganismus nicht?
Manchmal fällt es einem leichter zu erklären was eine Sache ist, wenn man zuerst mal aus dem Weg räumt, was diese Sache ganz sicher nicht ist. Veganismus ist beispielsweise keine Religion oder Sekte. Als veganer Mensch glaubt man nicht zwingend an einen Gott, es sei denn man bekennt sich zu einer Religion. Man sucht auch nicht nach Antworten zu seinen eigenen Glaubensfragen im Veganismus – auch wenn das Wortlaut dies suggerieren mag. Weiter besteht zwischen dem Vegan-Sein und der eigenen Sexualität, oder dem eigenen Geschlecht, kein Zusammenhang. Veganismus ist auch keine irrationale Denkweise, die jegliches Lebewesen über den Menschen stellt. Vor allem ist aber Veganismus auch keine Lebensart, die Ausbeutung gegenüber allen Lebewesen eliminieren kann. Vegan zu leben bedeutet auch nicht, dass man zu einer «Elite» gehört und «etwas Besseres» ist als andere Mitmenschen.

Was ist Veganismus also dann?
Veganismus ist eine Lebensart, die sich aus einem Zusammenspiel zwischen Ernährung, Umwelt und Ethik zusammensetzt. Dazu folgende Grafik:
Im Kern der Abbildung ist die «Ernährung», das ist quasi die Kernbotschaft. Wenn man die Ausbeutung und Grausamkeit an Tiere für Nahrung nicht unterstützen möchte, so ernährt man sich konsequenterweise rein pflanzlich. Diese Einstellung ist damit begründet, dass die heutige industrialisierte «Herstellung» von Fleisch die Tiere zu Ware degradiert, wie es auch bei «Schweizer Fleisch» der Fall ist. Darüber hinaus besteht ein Konflikt zwischen den eigenen Werten und der Haltung der Tiere in der Industrie im Allgemeinen, weshalb auch beispielsweise auf den Konsum von Kuhmilch verzichtet wird. Die pflanzliche Ernährung wird noch dadurch bekräftigt, dass sie völlig gesund ist und unter dem Strich eine bessere Öko-Bilanz aufweist als eine Ernährung mit tierischen Produkten.

Übrigens: Es gibt Menschen, die ernähren sich bewusst rein pflanzlich, bekennen sich aber dennoch nicht zum Veganismus. Das hat damit zu tun, dass diese Menschen ihre Ernährungsweise rein gesundheitlich begründen und sich mit den ethischen sowie umweltbetreffende Aspekte von einer veganen Lebensweise nicht identifizieren. Weiter im Text.

Um den Kern herum sind die «Ethik» sowie die «Umwelt». Das hat damit zu tun, dass man als veganer Mensch die Ansicht vertritt, dass Tiere aus ethischen Gründen keine Produkte oder «Rohstoffe» sind. Darüber hinaus verfolgt man das Ziel seinen eigenen ökologischen Abdruck durch den Konsum von Produkten möglichst zu verringern, somit auch die negativen Einflüsse auf die Umwelt und Tiere. Aus diesen Gründen trägt man kein Pelz, Leder oder Schafswolle.

«Interessieren sich Veganer eigentlich nur für Tiere?»
«Gehen Veganer in den Zoo?», «Haben Veganer eigentlich Haustiere?», «Ist ein Smartphone aus China nicht unethisch und somit nicht vegan?», «Sollte man Tiere kastrieren oder nicht?», «Ist es eigentlich noch ethisch vertretbar, weitere Kinder auf die Welt zu bringen?», «Ein Kollege hat mir Milchschokolade geschenkt. Soll ich es trotzdem essen?»… Es gibt viele solcher Fragen, die sich nicht einfach mit «Ja» oder «Nein» beantworten lassen. Einige dieser Fragen sind, im Grunde genommen, auch gar kein Bestandteil des Veganismus, werden aber oft gerne damit assoziiert. Die Assoziationen sind berechtigt aber nicht unbedingt rational. Der Veganismus kann und soll auch nicht pauschal Antworten für alle Situationen liefern. Diese Erwartung ist weder praktisch möglich noch Sinn und Zweck des Ganzen.

Ich formuliere es mal so: Wer einen veganen Lebensstil lebt, dem liegt es eigentlich nahe, dass er sich nicht nur für das Wohl der Tiere interessiert, sondern auch für das Wohl aller Lebewesen sowie auch der Umwelt. Das ist an sich eine logische Konsequenz. Eine Person bekennt sich zum Veganismus, weil sie gewisse Grundwerte vertritt. Eigentlich teilen fast alle Menschen diese Werte aber sie, sei es aus Unwissenheit oder unbewusster Ausblendung, ignorieren die Möglichkeit ihr Verhalten zu ändern.

Wer sich entscheidet, diese Grundwerte in einem Bereich des Lebens, wie beispielsweise Ernährung und Kleidung, zu manifestieren, wird versuchen diese Grundwerte auch auf andere Bereiche auszuweiten. Der Sinn des Veganismus wird dann quasi auf andere Lebensbereiche ausgedehnt. Es ist aber ein Irrtum zu behaupten, dass Veganismus alle Probleme dieser Welt lösen kann oder muss. Andererseits ist es auch ein Irrtum zu denken, dass man einen veganen Lebensstil gerade deswegen auch gleich lassen soll. Vielmehr ist der vegane Lebensstil ein Teil des eigenen Lernprozesses im Leben. Dieser eigene Lernprozess kann aber auch andere Massnahmen umfassen, jeweils mit dem Ziel, sein Handeln den eigenen Wertvorstellungen auszurichten. Veganismus ist einfach eine von vielen möglichen Massnahmen aber keine umfassende Lösung für alle Probleme.

Einige vegane Menschen können es mit sich vereinbaren, dass sie Kinder zur Welt bringen, obwohl andere von einer Überpopulation sprechen. Einige vegane Menschen fahren vielleicht ab und zu mit dem Auto, da es gerade anders nicht möglich ist. Andere vegane Menschen erachten es für sinnvoll, einem Tier aus einem Tierheim ein zu Hause zu bieten, obwohl es Fleisch aus einer Packung fressen muss, die wiederum Fleisch von Kühen enthält. Hingegen alle, die sich zu Veganismus bekennen, sind sich einig, dass der Konsum von Fleisch und anderen tierischen Produkten für das eigene Überleben weder notwendig noch ethisch korrekt ist. Dieser Konsens widerspiegelt sich in der Definition von Veganismus, die ich anfänglich dieses Beitrages zitiert habe. Was über diesen Konsens hinausgeht, muss oft in der jeweiligen Situation kritisch hinterfragt und eruiert werden. Eine «korrekte» Antwort lässt sich dann auch nicht immer finden.

Veganer interessieren sich also nicht nur für Tiere. Es ist aber nun mal so, dass Veganismus eine vernünftige, einfache und praktikable Massnahme mit grosser Wirkung ist, um das Leid vieler Lebewesen zu verringern und gleichzeitig seinen ökologischen Abdruck drastisch zu reduzieren. Das eigene Verhalten wird so eher der Wertvorstellung, dass man ein «tierfreundlicher, umweltbewusster und ethisch korrekt handelnder» Mensch ist, angelehnt. In dem Sinne ist es unmöglich vernünftig und rational gegen Veganismus zu argumentieren. 

Schlusswort
Mahlzeiten hat der Durchschnittsmensch der Schweiz etwa dreimal am Tag, dies täglich und das wiederum Jahr für Jahr. Wie bereits erwähnt, existieren auch andere Massnahmen um sein Handeln den eigenen Wertvorstellungen auszurichten aber keine dieser Massnahmen ist so praktikabel, effektiv und so gut möglich wie Veganismus. 

Mit diesem Beitrag habe ich versucht zu erläutern, was Veganismus eigentlich ist aber auch Grenzen aufzuzeigen, zu dem, was Veganismus nicht ist. Ich denke, dass einige Menschen mit einem besseren Verständnis der Thematik sich eher zu Veganismus hingezogen fühlen würden. Wir tragen schliesslich alle etwas «Veganismus» in uns.



 


[1]: https://www.vegansociety.com/go-vegan/definition-veganism (Stand 14.12.2017)

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