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Kognitive Disso-was?


Ich glaube jeder Mensch, der sich über tierische Produkte informiert und entschliesst diese nicht mehr zu konsumieren, hat diese Situation schon mal erlebt. «Was, du essisch kei Fleisch meh? Werom?» entgegnen andere auf die Aussage, man habe sich entschlossen Vegetarier zu werden. Ohne ein Arschloch sein zu wollen, antwortet man mit der Wahrheit und Fakten. Die Tiere werden für Fleisch schlecht behandelt. Fleisch ist extrem unökologisch. Und ja, frei von Tierprodukten isst man gesünder und gut schmecken tut es auch. Man hat sich schliesslich einige Tage mit dem Thema befasst, viel recherchiert und die Entscheidung nicht leichtsinnig getroffen.

In dem Moment gerät das Gegenüber in einen Konflikt. Einerseits ist es dem Mitmenschen möglich zu verstehen, dass all die genannten Argumente sicher etwas Wahrheit in sich haben. Andererseits realisiert der Gesprächspartner, dass sein eigener Standpunkt schwach und irrsinnig ist. Folglich fängt er an sich Ausreden aus dem Finger zu saugen. Das kann in etwa so klingen:

  • «Jo aber i de Schwiz werde Tier ned so schlecht behandelt, mer hend euses strenge Tierschutzgsetz!» - Hansruedi, 40, hat noch nie in seinem Leben die Tierschutzverordnung gelesen und glaubt daran, dass ein lokaler Bauer einen sehr grossen Teil des Fleischbedarfs deckt. Er schwört auf «Schweizer Fleisch», dieses bietet nämlich die beste Qualität.
  • «Fleisch esch halt scho fein.» - Timo, 21, wird immer noch von seiner Mutter bekocht. Hat entsprechend keine Ahnung davon, wie man auch ohne Fleisch und Tierprodukte schmackhaft kochen kann.
  • «I esse gar ned so vell Fleisch.» - Sabrina, 32, raucht und isst Fleisch wie jeder andere, hat es aber scheinbar nicht so mit Zahlen. Treibt exzessiv Sport um sich «fit» zu halten. 
  • «Fleisch bruchts, sosch cha de Mönsch kei Moskle ufbaue!» - Blerim, 19, Discopumper. Hat von seinem Gym-Bro erfahren, dass Pouletbrust und Rindfleisch die besten Proteinquellen sind. Er ernährt sich sehr «abwechslungsreich», sprich jeden Tag Poulet/Rindfleisch mit Reis und Brokkoli. Der Reis ist natürlich ohne Zusatzstoffe, das wäre nicht gut für die Gains.
  • «Hey super! I esse zwar Fleisch, be aber sosch mega ökologisch.» - Carmen, 25, umweltbewusste Schweizerin und Tierliebhaberin. Würde keinem Hund und keiner Katze jemals etwas Böses antun. Trägt Pelz und ist überzeugt davon, dass die Tiere vor dem Schlachten «ein schönes Leben» hatten. Klagt oft darüber, dass sie zu dick sei.

Die imaginären Steckbriefe sind natürlich überspitzt formuliert, das muss ich einräumen. Die Aussagen hingegen habe ich alle in meinem Umfeld in der Form eins zu eins gehört. Jetzt stellt sich die Frage, weshalb Menschen eigentlich in dieser Situation nicht einfach eingestehen, dass sie sich a) mit dem Thema Fleischkonsum nicht befasst haben b) ihre Behauptungen alle anekdotisch sind und c) sie sich eigentlich in ihrem Wesen angegriffen fühlen. In der Sozialpsychologie spricht man von «kognitiver Dissonanz».

Was ist kognitive Dissonanz?
Ich verweise gerne auf die Definition aus Wikipedia:

«Kognitive Dissonanz bezeichnet in der (Sozial-)Psychologie einen als unangenehm empfundenen Gefühlszustand, der dadurch entsteht, dass ein Mensch mehrere Kognitionen hat – Wahrnehmungen, Gedanken, Meinungen, Einstellungen, Wünsche oder Absichten –, die nicht miteinander vereinbar sind.» [1]

Was das mit den Beispielen von vorhin zu tun hat, scheint auf den ersten Blick vielleicht nicht so einfach verständlich. Tatsache ist aber, dass ein Fleischesser sich kritisiert fühlt, bewusst oder unbewusst. Der Vegetarier vermittelt im Grunde genommen: «Fleisch essen ist schlecht» und der Fleischkonsument sieht sich in seinem Verhalten angegriffen, er macht schliesslich genau das, was der andere für falsch hält. Es kommt hinzu, dass er ja eigentlich sich selbst als «Tierfreund» und «umweltbewussten Menschen» bezeichnen würde. Sein Verhalten und seine eigentliche Einstellung stehen somit auf einmal in einem Widerspruch.

Die kognitive Dissonanz wird aufgelöst…
Der jetzige Zustand, sprich die kognitive Dissonanz, ist für den Betroffenen ein unangenehmes Gefühl. Unbewusst versuchen Menschen diesen Zustand wieder zu beenden. Eine Möglichkeit wäre es, den eigenen Blickwinkel zu ändern, neue Lösungswege zu erkennen und diese anzugehen. Das würde auch bedeuten, dass man den eigenen Fleischkonsum zu reduzieren versucht, sich mit dem Thema intensiv auseinandersetzt und sich somit eine neue Meinung bildet, die mit der eigenen Einstellung als «Tierfreund» und «umweltbewussten Menschen» vereinbar ist.

Eine solche Reaktion auf eine innere Unstimmigkeit ist aber, zugegeben, sehr schwer in einem ersten Anlauf auf die Reihe zu kriegen. Wie wir uns auch im Vortragen, Rechnen oder Sport üben können, fordern auch gewisse Abläufe unserer Psyche viel Übung um «korrekt» ausgeführt werden zu können. Das ist in etwa vergleichbar mit unsicheren Menschen, die sehr oft in unangenehmen Situationen «erröten». Sich diese Reaktion abzugewöhnen braucht ebenfalls viel Übung und Durchhaltevermögen.

Es ist deshalb nicht verwunderlich, dass viele Menschen auf scheinbare Lösungen zugreifen, um ihren unangenehmen Zustand der kognitiven Dissonanz aufzulösen. Man denkt sich Ausreden, wie ich sie oben erwähnt habe, um vorübergehend die Situation mit sich selber zu klären. Mit anderen Worten: Der eigene Fleischkonsum wird auf andere Ursachen zurückgeführt, heruntergespielt, als gezwungen dargestellt, verleugnet oder mit selektierten «Studien» begründet.

Schlusswort
Um die Konfrontation zwischen Allesessern und Vegetariern/Veganern möglichst reibungslos über die Bühne bringen zu können, sind beide Parteien zum Handeln gefordert. Als Vegetarier bzw. Veganer empfiehlt es sich im Falle einer Eskalation mal einen Schritt zurückzugehen und den Kontrahenten wieder als Gesprächspartner wahrzunehmen. Statt weitere Fakten auf den Tisch zu legen, und vielleicht nonverbal Selbstlob auszuteilen, könnte man versuchen auf Beziehungsebene zu operieren. Dazu empfehle ich folgende Lektüre: Vier-Augen-Modell. Den Fleischessern würde ich empfehlen sich seiner eigenen Person bewusster zu werden. «Fühle ich mich angegriffen?», «Wenn ja, weshalb?», «Könnte ich mich vielleicht intensiver mit dem Thema Fleischkonsum beschäftigen?» solche und andere Fragen können in einem ersten Schritt geklärt werden. Folglich ist man irgendwann in der Lage die eigene kognitive Dissonanz korrekt anzugehen, statt sich mit Scheinlösungen zufrieden zu geben. Dazu ist natürlich kein-fleisch.ch eine gute Lektüre.





[1]: https://de.wikipedia.org/wiki/Kognitive_Dissonanz (Stand 01.02.2017)

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