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Die Wahrheit über Schweizer Fleisch

Schweizer Qualität geniesst weltweites Ansehen. Sie wird als Synonym verstanden für «Präzision», «Nachhaltigkeit» und «Hochwertigkeit». Entsprechend ist es wenig überraschend, dass viele Fleischkonsumenten auf «Schweizer Fleisch» schwören. In diesem Beitrag möchte ich einige Zahlen zur Schweizer Fleischproduktion darlegen, die Schweizerische Tierschutzverordnung thematisieren und auf die Praxis der inländischen Fleischproduktion eingehen.

Schweizer Fleisch in Zahlen
Teilweise habe ich diese Aspekte bereits in anderen Beiträgen angesprochen aber der Vollständigkeitshalber werde ich einige Punkte rekapitulieren. Im Jahre 2015 wurde der Schweizer pro Kopf Fleischkonsum auf 51.35 kg eingeschätzt. Insgesamt wurden 431'852 Tonnen Fleisch gegessen. Der Inlandanteil dieses Wertes wird auf 80% angesetzt. Von 2000 Befragten gaben 76% an, die Grundnahrungsmittel aus der Schweiz als «vertrauenswürdig» einzustufen [1]. Eine kleine Randnotiz: Interessanterweise betont «Schweizer Fleisch» in dieser Medienmitteilung, Zitat: «Die Schweiz […] gewährt eine lückenlose Rückverfolgbarkeit bis zu den Erzeugerbetrieben» [1], was meine Recherchen in dem Bereich überhaupt nicht bestätigen. Beispielsweise lassen sich auf der «Micarna» Webseite Werbefilme zu den Bauernhöfen und der Arbeit am Fliessband finden, wie die Tiere aber getötet werden, bleibt hinter verschlossenen Türen [3]. Analog dazu darf man auch bei «Bell» nicht vorbeischauen. Dort heisst es, Zitat: «Aus Gründen der Lebensmittelsicherheit können wir keinen Publikumszutritt zu unsren Produktionsräumlichkeiten gewähren» [7]. Weiter im Text.

In der Schweiz existieren etwa 30 grosse und mittelgrosse Schlachtbetriebe. 50% des Marktanteils machen hierbei Micarna von der Migros und Bell von Coop aus. Die Schlachtzahlen waren 2009 wie folgt [2]:

«Micarna (Schweiz):
2300 Mitarbeiter
Getötete Tiere 2009:
Schweine: 621’978
Rinder:  60’561
Kälber:  48’073
Lämmer: 21’067
Masthühner:  21'544'000
Legehennen: 328'000 (werden künftig nicht mehr geschlachtet)

Bell (Schweiz):
3400 Mitarbeiter
Getötete Tiere 2009:
Schweine: 666'417
Rinder:  112'788
Kälber:  52'583
Lämmer: 34'484
Geflügel:  17'231'379»

So werden beispielsweise von der «Micarna», laut eigenem Werbefilm, bis zu 1500 Schweine und 450 Rindviertel pro Tag zerlegt [6]. Insgesamt verlaufen sich die Zahlen auf jährlich über 55 Millionen geschlachteter Tiere in der Schweiz [4].

Für die Menge an inländisch geschlachteter Tiere werden jährlich 1.1 Millionen Tonnen Futtermittel aus dem Ausland importiert. Für den Anbau dieser Menge an Tierfutter rechnet man mit 200'000 bis 250'000 Hektaren Land, was der gesamten Schweizer Ackerfläche entspricht. Soja ist mit 310'000 Tonnen ein Bestandteil des importierten Futters [4].

Die internationale Sojaproduktion fordert Millionen von Hektaren an Land. Der grösste Teil betrifft den Amazonas. Lediglich 6% der gesamten Sojaproduktion betrifft Esswaren für Menschen, ein Teil geht an die Kosmetik und schliesslich gehen 75% an die Fütterung von Tieren auf der ganzen Welt [5].

Tierschutzverordnung (TSchV)
Bei dieser immensen Zahl an getöteter Tiere sind die Haltungsbedingungen oft nicht tiergerecht [4]. In dem Sinne soll die Tierschutzverordnung an der Stelle «Schranken» schaffen. So heisst es beispielsweise: «Tiere sind regelmässig und ausreichend mit geeignetem Futter und mit Wasser zu versorgen» [8] oder «Tieren soziallebender Arten sind angemessene Sozialkontakte mit Artgenossen zu ermöglichen.» [9]. Besonders von Interesse sein dürften aber namentliche Verbote wie «das Töten von Tieren auf qualvolle Art» für alle Tiere oder diverse verbotene Handlungen bei Rindern [10]. Darunter zu verstehen sind Handlungen wie «das Coupieren des Schwanzes», «das Kennzeichnen mit Heiss- und Kaltbrand» oder «mechanische, physikalische oder elektrische Eingriffe am Euter und lange Zwischenmelkzeiten, welche die natürliche Form des Euters verändern oder zu einem unnatürlichen Füllungszustand führen» [11]. Die Anwendung von künstlichen Reproduktionsmethoden ist den Tierärzten erlaubt [12].

Weiter beschreibt die Tierschutzverordnung, dass Wirbeltiere nur unter Betäubung getötet werden dürfen. Im Falle, dass eine Betäubung nicht möglich ist, so «muss alles Notwendige unternommen werden, um Schmerzen, Leiden und Angst auf ein Minimum zu reduzieren.», was das auch immer genau bedeutet [13].

Bei der Anlieferung der Tiere werden diese kontrolliert. Tiere, die aus irgendwelchen Gründen nicht mehr laufen können, werden an Ort und Stelle betäubt und «entblutet», was ein euphemistischer Ausdruck im Fachjargon für «töten» ist. Im Falle, dass während der Anlieferungszeit kein Tierarzt anwesend ist, führt der Schlachtbetrieb die Untersuchung durch [14]. Tiere, die nicht direkt getötet werden, dürfen unter minimalen Anforderungen bis zum Schlachtzeitpunkt im Betrieb gehalten werden [15].

Es ist verständlich, dass Tiere nicht von sich aus den Weg in den Tod gehen. Sie werden deshalb «getrieben». Die Tierschutzverordnung schreibt vor, dass die Kühe etc. «unter Berücksichtigung ihres arttypischen Verhaltens» schonend zu treiben sind. Der Einsatz von Elektrotreibern sei «auf das absolut Notwendige zu beschränken», heisst es [16].

Beim Töten von Küken dürfe man auf «rasch wirkende Methoden» zugreifen, was beispielsweise die Tötung in der Gaskammer bedeutet [17]. Im Rahmen des rituellen Schlachtens ist es jedoch gestattet die Hühner ohne Betäubung zu töten [20]. Bei grösseren Tieren werden diverse Betäubungsmethoden angewendet. So kommt beispielsweise bei Rindern, Pferden und Schweinen ein Bolzen- oder Kugelschuss zum Einsatz [18]. In der Branche kommt es jedoch vor, dass der Schuss nicht richtig «sitzt» und das Tier folglich in einem teilweisen Wachzustand hingerichtet wird [19].

Nach der Betäubung folgt das «Entbluten». Es ist vorgesehen, dass dies «mittels Durchtrennen oder Anstechen von Hauptblutgefässen im Halsbereich zu erfolgen» ist. Das Tier ist zu diesem Zeitpunkt noch nicht tot. Folglich schreibt die Verordnung vor: «Nach dem Entblutungsschnitt dürfen weitere Schlachtarbeiten an einem Tier erst durchgeführt werden, wenn es tot ist.» [21].

Im Vergleich zum Ausland, beispielsweise die Vereinigten Staaten, existieren in der Schweiz tatsächlich «bessere» Gesetze um die «Nutztiere» zu «schützen» [22]. Tatsache ist aber, dass sich solche Verordnungen auf Papier eigentlich «human» anhören aber in Tat und Wahrheit trotzdem unmenschlich sind. Der Grund dafür ist einfach: Die Gesetze sollen mutwillige Tierquälerei verbieten aber keine wirklich artgerechte Haltung von Tieren gewährleisten.

Die Praxis
Es kommt beispielsweise in Schweizer Schweinebetrieben vor, dass die Tiere in ihrem eigenen Kot stehen, Verhaltensstörungen entwickeln und sich somit gegenseitig angreifen. Auch in Bio-Betrieben der Schweiz sei es keine Ausnahme, dass Schweine wegen den stressigen Umständen Kannibalismus ausüben [25].

Zudem ist es allgegenwertige Praxis, dass 100kg massive Schweine auf weniger als einem Quadratmeter gehalten werden und viele von ihnen nicht ins Freie dürfen. Die meisten von diesen Tieren leben sogar permanent im Stall. Aufnahmen von Betrieben in Bern, Fribourg, Waadt und Luzern zeigen solche Zustände. Dem Gesetz nach ist es auch nicht verboten die Tiere ihr Leben lang ohne Einstreu in engen Räumen zu halten [25].

Unter Bedingungen der Schweizer Schweinehaltung gebären die Schweinemütter etwa fünf Mal und gehen nach drei Jahren ins Schlachthaus. Schweine in fast natürlichen Bedingungen können hingegen etwa 12 Jahre alt werden [25]. Bilder und Videomaterial zu den Stallbedingungen für Schweine sind unter dieser Quelle zu finden [28].

Den Kühen geht es auch nicht besser. Viele Kühe sind 275 Tage im Jahr angebunden. Die 90 Tage vorgeschriebenen Auslaufs werden manchmal so verstanden, dass die Tiere für ein paar Stunden an die frische Luft dürfen. Der Platz ist ebenfalls sehr knapp. Ein Tier mit einer Masse von etwa 500kg hat in etwa 3 Quadratmeter im Stall zur Verfügung [27].

Ebenfalls die Hühner werden minderwertig behandelt. Gerade 7.5% des Mastpoulets erhält regelmässigen Auslauf. Zudem sind hohe Besatzdichten erlaubt und der Auslauf keine Pflicht [27].

Abschliessend gilt es zur Praxis zu sagen, dass sich einige Unternehmen „bemühen“ mit „Zertifizierungen“ und „Labels“ den Konsumenten eine Garantie für artgerechte Haltung der Tiere zu verkaufen. Tatsache ist aber, dass auf Bundesebene die Schweizerische Tierschutzverordnung gilt und wir keinerlei Beweise für die Behauptungen der Fleischindustrie haben. Die Regelungen der Labels sind weder konkretisiert noch bewiesen. So lässt beispielsweise IP-SUISSE verkünden: „Tiere in IP-SUISSE-Betrieben werden naturnah und artgerecht gehalten. Zudem werden nur so viele Tiere gehalten, dass sich die Mist- und Güllenmenge wieder in den natürlichen Kreislauf einfügen lässt. Produkte aus der IP-SUISSE-Fleischproduktion sind deshalb führend in Sachen Qualität.“ [29]. Tolle Ansagen, ehrlich.

Der Schlachtprozess
Gewissen Bauern ist es erlaubt ihre Tiere direkt auf ihrem Grundstück zu schlachten. Dabei zielt man mit der Waffe auf die Kuh und drückt ab. Man könne so «Stress vermeiden» und das Fleisch hätte eine «bessere Qualität». Im grossen Stil so zu schlachten sei aber nicht praktikabel [23]. Aus diesem Grund werden in den meisten Fällen die Tiere vom Bauernhof zum Schlachthaus transportiert. Der Weg sei zum Teil mehr als sechs Stunden lang [24].

Wie es in Schweizer Schlachthäusern tatsächlich aussieht, das kann ich nicht beantworten, denn dazu fehlt mir Bildmaterial. Tatsache ist aber, dass sich im Internet Schlacht-Beispiele finden lassen, die in der Branche üblich sind und auch mit dem Gesetz in der Schweiz konform sind. Ich treffe deshalb die Annahme, dass es sehr wahrscheinlich in einem der Schlachthäusern der Schweiz so aussehen könnte [26]:


Das Tier wird durch die Schleuse reingelassen, nach dem es durch einen Weg getrieben wurde.


Zum Betäuben des Tieres wird ein Bolzenschuss verwendet. Der Bolzen ist etwa 7 bis 11 cm lang.


Das Tier wurde vom Bolzen getroffen. Es fällt zu Boden.


Für das weitere Vorgehen wird das Tier etwas hochgezogen. Merke, dass das Tier zu dem Zeitpunkt noch nicht tot ist.


Eventuell zuckt das Tier. Mit dem Messer wird es komplett «stillgelegt». Darauf folgt die Entblutung.


Hierfür wird der Kuh der Hals aufgeschlitzt. Das Blut fliesst in Strömen.


Bei der Prozedur wurde der Kopf komplett abgetrennt.


Der Kopf wird weiter «bearbeitet».


Weitere «Verarbeitung» des Kopfes.


Der Kadaver wird nochmals hochgezogen. Die Haut wird nun entfernt.


Die Haut wird entfernt.


Es folgt die weitere Verarbeitung des Körpers.


Innereien werden entsorgt.


Ausser dem Magen des Tieres. Dieser wird noch geleert… 


… und im Anschluss gereinigt.


Der Leblose Körper wurde halbiert.


Die «Ware» wird gekühlt gelagert. «Es» soll ja schliesslich perfekt sein für den Konsumenten.

Was ich mit diesen Bildern vermitteln möchte ist, dass die Tiere, trotz Einhaltung der Gesetze, zu Ware degradiert werden. In Schlachthöfen werden Lebewesen völlig entgegensetzend ihrer Würde hingerichtet. Das trifft auf Schlachthäuser der Welt aber auch der Schweiz zu.

Eine Ursache hierfür ist der «Speziesismus», welcher stark in den Köpfen der Menschen verankert ist. In diesem Beitrag kann mehr dazu gelesen werden: hier.

Schlusswort
In der Schweiz wird jährlich Millionen von Tieren das Leben genommen. Das Tierschutzgesetz versucht deshalb Schranken zu setzen und Tierquälerei zu unterbinden. An dieser Stelle ist aber zu unterscheiden, dass der Tierschutz keine Garantie ist für eine würdige Haltung von Lebewesen. Mit anderen Worten: Auch Schweizer Fleisch steht für Verachtung und Ausbeutung von Tieren - "Fleischqualität" für den Menschen hin oder her.



[1]: https://www.schweizerfleisch.ch/medien/page/2016/fleischkonsum-2015-5135-kilogramm-pro-person.html (Stand 15.01.2017)
[2]: http://www.swissveg.ch/schlachtzahlenCH (Stand 15.01.2017)
[3]: http://micarna.ch/Frischfleisch/9603269c48ec01a3f08d804e0008dc6b.html (Stand 15.01.2017)
[4]: http://www.beobachter.ch/konsum/artikel/fleisch_darfs-ein-bisschen-weniger-sein/ (Stand 15.01.2017)
[5]: http://www.nzz.ch/panorama/montagsklischee/soja-wird-hauptsaechlich-fuer-tierfutter-produziert-1.18335485 (Stand 15.01.2017)
[6]: http://micarna.ch/Frischfleisch/objekt/video/video_newscript.php?video=YPUYKaSa (Stand 15.01.2017)
[7]: https://www.bell.ch/de/bell-welt/haeufig-gestellte-fragen/ (Stand 15.01.2017)
[8]: https://www.admin.ch/opc/de/classified-compilation/20080796/index.html#a4 (Stand 15.01.2017)
[9]: https://www.admin.ch/opc/de/classified-compilation/20080796/index.html#a13 (Stand 15.01.2017)
[10]: https://www.admin.ch/opc/de/classified-compilation/20080796/index.html#a16 (Stand 15.01.2017)
[11]: https://www.admin.ch/opc/de/classified-compilation/20080796/index.html#a17 (Stand 15.01.2017)
[12]: https://www.admin.ch/opc/de/classified-compilation/20080796/index.html#a27 (Stand 15.01.2017)
[13]: https://www.admin.ch/opc/de/classified-compilation/20080796/index.html#a178 (Stand 15.01.2017)
[14]: https://www.admin.ch/opc/de/classified-compilation/20080796/index.html#a180 (Stand 15.01.2017)
[15]: https://www.admin.ch/opc/de/classified-compilation/20080796/index.html#a181 (Stand 15.01.2017)
[16]: https://www.admin.ch/opc/de/classified-compilation/20080796/index.html#a182 (Stand 15.01.2017)
[17]: https://www.admin.ch/opc/de/classified-compilation/20080796/index.html#a183 (Stand 15.01.2017)
[18]: https://www.admin.ch/opc/de/classified-compilation/20080796/index.html#a184 (Stand 15.01.2017)
[19]: http://www.3sat.de/page/?source=/nano/gesellschaft/143211/index.html (Stand 15.01.2017)
[20]: https://www.admin.ch/opc/de/classified-compilation/20080796/index.html#a185 (Stand 15.01.2017)
[21]: https://www.admin.ch/opc/de/classified-compilation/20080796/index.html#a187 (Stand 15.01.2017)
[22]: http://www.nationearth.com/earthlings-1/ (Stand 15.01.2017)
[23]: http://www.srf.ch/news/schweiz/bauer-darf-rinder-auf-der-weide-schlachten (Stand 15.01.2017)
[24]: http://www.beobachter.ch/konsum/artikel/biofleisch_langer-leidensweg-fuer-schlachtvieh/ (Stand 15.01.2017)
[25]: http://www.tier-im-fokus.ch/nutztierhaltung/hintergruende_schweine-report/ (Stand 15.01.2017)
[26]: http://soylent-network.com/doku/03rinderschlachtung.htm (Stand 15.01.2017)
[27]: https://www.zuerchertierschutz.ch/tierschutzthemen/tiere-in-der-landwirtschaft/erlaubte-haltungsformen.html (Stand 15.01.2017)
[28]: http://schweine-report.ch/recherche/#scrl (15.01.2017)
[29]: https://www.ipsuisse.ch/Web/Fleisch_id119 (Stand 15.01.2017)

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